Geschichtliche Informationen von Fritz Pfrang

Breitwiesen – Gewann am alten Neckarbett – Bekannt durch den Bürgerentscheid 2013

Was wäre aus dieser Feldflur geworden, wenn nicht einige Bürgerinnen und Bürger für einen Bürgerentscheid gekämpft hätten?
Eine Gewerbefläche mit Logistikhallen!
Gut, dass die Mehrheit der Bürger mit ihrer Stimme beim Bürgerentscheid von 2013 das verhindert haben.

So bleibt uns diese fruchtbare, natur- und artenreiche Feldflur bis heute erhalten: Rehe tummeln sich auf den Wiesen, Rotmilane und Uhus haben hier ihre Jagdgebiete, Spaziergänger und Radfahrer genießen die Erholung auf dem 42 ha großen Gebiet.

Und wie kommt diese Feldflur zu ihrem Namen? Die Geschichte beginnt vor Urzeiten – mit dem Neckar.

Der Bergstraßen – Neckar

Was hat der Neckar mit der Bergstraße zu tun?
Am Ende der letzten Eiszeit floss der Neckar nach Norden entlang der Bergstraße bis Bensheim, von da weiter in nordwestlicher Richtung, um sich bei Trebur mit dem Main zu vereinigen und flossen gemeinsam in den Rhein. Der Neckar verwandelte unsere Landschaft in der Ebene der Bergstraße, teilweise in ein Sumpfgebiet.
Vor etwa 8900 bis 10800 Jahren gelang dem Neckar der Durchbruch durch die Dünenkette zwischen Seckenheim und Feudenheim, die ihm bis dahin den direkten Weg zum Rhein versperrt hatte. Entlang der Bergstraße blieben alte Neckarschlingen zurück, die im Laufe der Jahrtausende verlandeten. Der Weinheimer Ortsteil Ofling liegt vollständig in einem alten Neckarbett. Ein altes Flussbett stellt stellt auch der Waidsee dar, hier wurde der Neckarkies zum Bau der A5 abgebaut.

Der Ausdruck Gewann kommt von Wenden und bezeichnet eine Flurform, die vor allem infolge der Dreifelderwirtschaft und des Erbrechts mit der Realteilung entstand. Typisch für Gewanne ist, dass die Länge ihrer Felder mindestens das Zehnfache der Breite beträgt. Diese langgestreckte Form ist auf die Schwierigkeit des Wendens mit Pflugespannen zurückzuführen. Schmalgestreckte Parzellen machten nur wenige Wenden auf dem Vorgewende notwendig.
Realteilung (historisch) oder auch Realerbteilungsrecht bedeutet, dass der Besitz einer Familie, insbesondere der Landbesitz (früher als Realitäten bezeichnet), unter den Erbberechtigten gleich aufgeteilt wird. Diese Aufteilung findet bei jedem Erbgang statt, sodass die Parzellen stetig kleiner werden. Sie ist für die Bergstraße typisch, im Odenwald dagegen nicht. Hier galt das Anerbenrecht. So bezeichnet man die Vererbung eines landwirtschaftlichen Anwesens an einen einzigen Erben damit es geschlossen erhalten bleibt. In der Landwirtschaft führte die fortgesetzte Realteilung an der Bergstraße zu einer Zersplitterung des Ackerlandes in eine Vielzahl kleiner Äcker, oft in Form schmaler Streifen. Diese waren sehr ineffizient zu bearbeiten; zudem ging ein relativ hoher Anteil der nutzbaren Fläche für Grenzstreifen und Zufahrtswege verloren.

Der Breitwieserweg an dem die Stadtwerke ihren Sitz haben erinnert an frühere Zeiten, als die Mannheimer Straße noch Breitwieserweg hieß, auf dem früher die Bauern zu ihren Wiesen fuhren. Heute kann man von der Weststadt bequem mit dem Fahrrad oder zu Fuß am ampelgesteuerten Übergang der B38 zu den Breitwiesen gelangen.

Direkt neben den Breitwiesen befindet sich das Gewann Steinbächer, das nach dem ehemaligen Frauenkloster Steinbach bei Michelstadt der früheren Einhardsbasilika benannt ist. Hier befand sich einst einer von vielen Feldbrunnen. Dieses Gewann wurde bereits 1393 erwähnt, wo eine Urkunde auf 4 morge neben dem Breitwiessweg by den Frauwen von Steinbach hinweist. Diese Urkunde deutet darauf hin, dass sich dieses Gewann einst im Besitz des 1232 nach Aufhebung des Klosters Lorsch gegründeten Frauenklosters Steinbach bei Michelstadt befand, das auch als Einhardsbasilika bekannt ist. Einhard der Biograph Karls des Großen erbaute diese Basilika, doch seine Grablege befindet sich in Seligenstadt am Main, weil der Odenwald damals doch ziemlich abgelegen war.

Die Achtzehnmahden-Schließe
wichtiger Bestandteil des ehemaligen Wässerwiesensystems verbessert durch einen Pionier der Weinheimer Landwirtschaft, Freiherr Lambert von Babo.

Das Wässerwiesensystem:
Die Bewässerung der Wiesen zur Steigerung der Heuernte erfolgte in der Weschnitzniederung bereits im 18. Jh. Durch Initiative des Freiherrn Lambert von Babo (Babostraße/ Denkmal) wurde ab 1843 das in die Jahre gekommene System wesentlich erweitert und verbessert. Das Wasser wurde über zwei Schließen in die Bewässerungsgräben der tiefer als die Weschnitz liegende Wiesengewanne Achzehnmahden und Dörrböhl geleitet: An der Höhnerbrücke beim ehemaligen Schlachthaus über den Kiesgraben (existiert noch) und bei dem ehemaligen Fußgängersteg über die Alte Weschnitz westlich der Autobahn (existiert nicht mehr). Mehrere Gräben und Schleusen regelten die Wasserführung. Die seltsame Anordnung der damaligen Wiesenflurstücke kreuz und quer hatte mit der Topographie zu tun und ist mit der Flurbereinigung 1980 verschwunden: Das Wiesengelände benötigt nämlich, damit das Wasser fließt und nicht steht, ein leichtes, künstliches Gefälle. Deshalb waren die Wiesen auch ein wenig gewölbt. Für die heutige Bewirtschaftung mit großen Maschinen wäre dies utopisch. Entwässerungsgräben sorgten dafür, dass das überschüssige Wasser wieder abfließen konnte, z.B. über Erlen- und Lachengraben an der Altaubrücke („Römerbrücke“) in den Landgraben. Mit der Aussiedlung der Weidsiedlung 1952 endete dieser Abschnitt der Grünlandbewirtschaftung an der Weschnitz. Heute wird überschüssiges Wasser der Entwässerungsgräben nur noch bei Hochwasser oder hohem Grundwasserstand mit Hilfe des damals errichteten Pumpenhäuschens in die Weschnitz gepumpt.

Flusslauf der Weschnitz
Wie der Ur-Neckar floss die Weschnitz früher durch das Sumpfgebiet entlang der Bergstraße. Später durchbrach sie möglicherweise mit Hilfe des Menschen die in Nord-Süd ausgerichtete Flugsanddünenkette im Bereich der jetzigen Wattenheimer Brücke bei Lorsch und fließt nun über Biblis am ehemaligen Atomkraftwerk in den Rhein. Die Neue Weschnitz wurde zur Entlastung bei Hochwasser schon im 16.Jahrhundert (1535- 1544) zwischen Weinheim und Lorsch gegraben, als sich in Folge der Schlacht bei Seckenheim (1462) bis zum 30-jährigen Krieg (1618-1648) das gesamte Weschnitzgebiet in der Hand der Kurpfalz befand. Auch der Landgraben wurde in dieser Zeit (1535) vom Kurfürsten angelegt.

Das Niveau des tiefer liegenden Landgrabens im alten Neckarbett erreicht die Weschnitz erst ca. 8km bachabwärts bei Lorsch, wo der parallel laufende Landgraben in die Weschnitz mündet. Heute versickert der Landgraben bereits bei Hüttenfeld. Da er kaum Gefälle hat, kann er, wenn überhaupt nur langsam abfließen. Dies ist besonders bei Hochwasser der aus den Weinheimer Odenwaldstadtteilen kommenden Bächen problematisch.